EDITO 16
Die Legionärsfamilie
Von Louis Perez y Cid
Man sollte sich vor Worten hüten, die man zu oft benutzt. Sie verlieren mit der Zeit an Bedeutung.
„Legionärsfamilie“ ist so ein Begriff. Er wird bemüht, für sich beansprucht, manchmal sogar übertrieben dargestellt. Aber worüber sprechen wir eigentlich?
Denn eine Familie lässt sich nicht verordnen. Sie entsteht langsam, im Laufe der Zeit, durch Entbehrungen, durch eine unumstößliche Loyalität. Die Familie der französischen Fremdenlegion ist nicht aus dem Nichts entstanden. Sie ist die Frucht von fast zwei Jahrhunderten Geschichte, von Schlachten, von Opfern von Männern, die zumeist nichts gemeinsam hatten außer einer Entscheidung: zu dienen.
Schon früh erkannten die Anführer, dass diese Vielfalt sowohl eine potenzielle Schwäche als auch eine Stärke war, die es zu überwinden galt. Sie beschlossen, sie zu einem starken Zusammenhalt zu formen.
Oberst Bernelle legte 1835 einen Grundstein. In einer Situation der Unordnung und der Desertion setzte er die Vereinheitlichung der Nationalitäten und die Einführung einer einzigen Sprache, Französisch, durch. Dies war keine rein administrative Maßnahme. Es war eine Vision: Einheit zu schaffen, wo alles trennen konnte.
Ein Jahrhundert später verlieh General Rollet dieser Einheit Gestalt. Es ging nicht mehr nur um gemeinsames Kämpfen, sondern um die Förderung des Zusammengehörigkeitsgefühls. Er strukturierte Traditionen, prägte einen Geist und verankerte die Legion langfristig. Er formte aus einer Truppe eine Institution und aus dieser Institution ein Vermächtnis.
General Coullon verdeutlichte dann, insbesondere durch die Etablierung des Ehrenkodex der Legionäre, was beständig bleiben musste. In einer sich wandelnden Welt zog er klare Linien. Er erinnerte alle daran, dass das Wesentliche nicht in den Worten selbst liegt, sondern in dem, was sie bewirken. Weniger bekannt ist jedoch, dass er nach der Auflösung der 31. Brigade und der damit einhergehenden Gründung des COMLE (Fremdenlegionskommandos) den Wandel nicht nur begleitete, sondern ihn aktiv vorantrieb. Gemeinsam mit den Obersten Lecorre und Forcin entwarf er ein Dekret und erreichte 1984 das Undenkbare von einer sozialistischen Regierung. Der von Verteidigungsminister Charles Hernu, dem Gründer des neuen Kommandos, unterzeichnete Text stellte unmissverständlich fest: „Der General, der die Fremdenlegion befehligt, übt seinen Befehl über die gesamte Fremdenlegion aus.“ Rom fürchtete seine Legionen nicht länger.
Aus diesen aufeinanderfolgenden Schichten erwuchs eine unumstößliche Wahrheit: Legio Patria Nostra (Unser Vaterland).
Nicht als Slogan, sondern als Konsequenz.
Dieses Vaterland ist insofern einzigartig, als es nicht einengt. Es ist kein Zufluchtsort der Identität, sondern ein Ausgangspunkt. Es ermöglicht jenen, die von anderswo kommen, sich zu integrieren, Wurzeln zu schlagen und oft ihr Erbe weiterzugeben. Es verbindet, statt zu trennen.
Hier wird die Frage dringlich.
Was bleibt von dieser Idee, wenn „Familie“ zum Vorwand für Abgrenzung wird? Wenn manche weniger Zugehörigkeit suchen, als sich innerhalb dessen abzugrenzen, was sie angeblich verteidigen?
Nichts ist menschlicher als die Versuchung, sich zurückzuziehen und sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Ego und Narzissmus sind keine Zufälle, sondern Konstanten.
Sie sind allgegenwärtig: in der Politik, im Sport, in der Kultur. Die Legion bildet keine Ausnahme.
Im aktiven Dienst halten Disziplin und Hierarchie diese Exzesse in Schach, vorausgesetzt, die Führung bleibt fest.
Unter Veteranen ist die Ordnung brüchiger. Sie beruht auf etwas anderem: einer bestimmten Vorstellung von Gegenleistung für das Empfangene.
Und doch tauchen hier und da Abschottungshaltungen auf. Immer engstirnigere Gruppen bilden sich. Der Diskurs wird genutzt, um sich selbst auf Kosten anderer zu erhöhen. Grenzen werden innerhalb eben jener Struktur errichtet, die zu deren Abschaffung geschaffen wurde.
Das ist nicht neu, doch Wachsamkeit ist geboten.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Zugehörigkeiten existieren und sind legitim. Aber sie dürfen nicht zu Bruchlinien werden. Sobald sie den Anspruch erheben, das Ganze zu dominieren, schwächen sie es.
Denn die Legion hat ihre Stärke nie aus Reinheit, sondern aus Vielfalt, aus der Vereinigung bezogen. Sie hat nie versucht, die Männer voneinander zu unterscheiden, sondern sie zu einem gemeinsamen Standard zu erheben.
Wer dies vergisst, sollte ihre Geschichte erneut lesen. Nicht um Gründe für individuellen Stolz zu suchen, sondern um eines zu verstehen: Wenn die Legion geachtet wird, dann nicht allein wegen ihrer Schlachten.
Andere kämpften. Andere eroberten. Aber nicht alle wurden zu einer Heimat.
Der Unterschied, so scheint es, ist subtil. Er liegt darin, dass manche etwas Größerem dienen, während andere nur sich selbst dienen.
Die einen gründen eine Familie. Die anderen Lärm.
Und in der Legion war Lärm nie ein Problem.